Wenn es doch so einfach wäre; tatsächlich liegt die Wahrheit im Detail. Investoren sind Leute die Geld, meistens viel Geld haben und sich damit an Unternehmen beteiligen, um aus dem bis dahin 'toten' Kapital Erträge zu erwirtschaften.
Als totes Kapital bezeichnet man jenes Geld, über das man zwar verfügt, welches aber nicht 'arbeitet' – als Beispiel diene „Der Geizige“ von Moliere, der sein Vermögen im Garten vergrub und künftig nur dieses und seine Tochter bewachte, um am Ende beides zu verlieren.
Wer also Geld hat versucht, es 'anzulegen', das heißt er steckt Geld in ein Unternehmen, in Schiffe, oder spekuliert an der Börse. Solange man an der Börse Anteile an Fabriken, einer Fluggesellschaft oder einer Bank erwirbt, hat man reale Werte erworben. Mit diesen Anteilen ist man zwar auch von Marktschwankungen abhängig, von Angebot und Nachfrage des jeweiligen Produkts, auch von Konkurrenz und eventuellen Neuentwicklungen. Das sind aber ziemlich vorhersehbare Dinge, auf die man reagieren, oder die man verhindern kann (indem man zum Beispiel seine Anteile früh genug verkauft). Soweit befinden wir uns noch in einem Bereich des „Marktes“, der sich mit betriebswirtschaftlichem Wissen und Marktkenntnis beurteilen lässt und in dem sich die Risiken daher in überschaubarem Rahmen bewegen.
Wir sehen also, Investitionen bringen Gewinne und wer auf diese Weise nach Gewinn strebt, ist darum nicht unbedingt ein böser Mensch. Denn er ermöglicht ja auf der anderen Seite einem Unternehmen, Arbeitsplätze zu schaffen, sich zu erweitern und damit einen Vorsprung vor der Konkurrenz zu erhalten, der die Arbeitsplätze sicherer macht. Indem das Unternehmen keine Kredite abzahlen und damit evtl. sich in den Ruin wirtschaftet, weil die Tilgung natürlich sofort einsetzt, hat es einen Vorteil gegenüber jenen Unternehmen, die keine Teilhaber finden. Der Teilhaber lässt sein Geld langfristig in einem Unternehmen und will nur am Gewinn beteiligt werden. Das heißt zwar, er ist genauso am evtl. Verlust beteiligt – da das Risiko aber auf viele Teilhaber verteilt ist, bleibt der Verlust gering und kann in der Regel in den nächsten Jahren aufgefangen werden.
Im Grunde kann man auch nur solche Leute als Investoren bezeichnen, die nach diesem Schema handeln. Es gibt da nämlich auch eine andere Gruppe von Menschen, die zwar auch Kapital in Firmen- oder Sachbeteiligungen „investiert“, bei ihnen handelt es sich aber nicht um wirkliche Investitionen, sondern um Spekulanten: sie kaufen Aktien (Derivate, tätigen Leerverkäufe) in der Hoffnung auf steigende Kurse – und verkaufen sie manchmal schon innerhalb von Minuten. Diese Art mit Aktien zu handeln ist zwar spekulativ, schadet aber weder dem Unternehmen, dessen Aktien gehandelt werden, noch anderen als dem Spekulanten, wenn seine Kalkulation nicht aufgeht. Jedoch haben wir damit den Bereich der 'Investition' verlassen. Unangenehm wird diese Art der Spekulation nur dann, wenn es sich um riesige Aktienpakete handelt, die auf einmal auf den Markt geworfen werden. Damit kann man ein Unternehmen möglicherweise in den Ruin treiben – doch dürfte sich so etwas auch für den Spekulanten nicht rechnen, da ein durch ihn ausgelöster Kurssturz ja auch seinen eigenen Erlös trifft. So etwas wäre nur dann folgenlos, wenn ein dickes Aktienpaket von Hand zu Hand gehen würde und damit würde auch die Börse längerfristig kaum auf die Transaktion reagieren.
Gefährlich wird es nur da, wo mit Geld gehandelt wird, welches in der Realität gar nicht existiert: mit virtuellem Geld also. Wie geht das?
Wir müssen uns das so vorstellen: die Kursgewinne an der Börse sind erst dann reale Gewinne (oder Verluste), wenn ich auch tatsächlich verkaufe. Solange ich ein Paket von zehntausend Aktien als Sitzgelegenheit benutze, ist das vielleicht unbequem, es passiert aber nichts weiter damit, auch wenn der „Markt“ eine wahre Achterbahnfahrt an 'Gewinnen' und 'Verlusten' macht. Erst wenn ich verkaufen will (oder muss), werden die Börsenkurse für mich interessant. Erst dann kann ich berechnen, ob ich gemessen an meinem Einstandspreis und den erlösten Dividenden, etc. Gewinn oder Verlust mache, wenn ich jetzt verkaufe.
Aber auf genau diese Achterbahnfahrten der Börsen, auf dieses Auf und Ab der Kurse spekulieren manche 'Anleger': sie kaufen hier ein Paket, stoßen da eins ab – und das dürfen wir nicht vergessen, beeinflussen damit ihrerseits den Kurs: wird viel verkauft, sinkt der Kurs, wird viel gekauft, steigt der Kurs. Man kann also, wenn man genügend Mittel hat, ohne weiteres selbst einen Kurs bestimmen (auch durch Streuung von Gerüchten und „Insiderinformationen“). Hier befinden wir uns im Grenzbereich zur Erzeugung virtuellen Geldes – oder auch, und das ist das perfide, zur Vernichtung realen Geldes.
Immer dann, wenn wir den Augenblick verlassen und versuchen, eine Kursentwicklung in der Zukunft zu bestimmen, um zu diesem Zeitpunkt ein Geschäft zu tätigen, befinden wir uns im Bereich der Termingeschäfte. Manchmal, wenn sich das auf Realien bezieht, eine vernünftige Sache, wie wir oben schon sahen. So kann zum Beispiel ein Bauer mehr Saatgut kaufen (und evtl. eine zusätzliche Maschine), wenn er heute seine künftige Ernte zu einem Preis, der ihm angemessen erscheint, verkauft. Das Risiko besteht dann in Krankheit und Wetterbedingungen: gibt es eine gute Ernte, kann ihm ein mögliches Überangebot nichts anhaben, er hat sein Geld schon im Sack, gibt es eine schlechte Ernte, teilt er sich den Verlust mit seinem Abnehmer.
Aber es gibt auch Termingeschäfte anderer Art: da wird auf steigende und fallende Kurse gewettet, statt auf Realien. Wie wir oben sahen, sind die Börsenkurse etwas virtuelles, sie sind nur ein Kennwert, der den augenblicklichen Wert des Unternehmens bezeichnet, wenn ich es in diesem Moment verkaufen würde. Der hier gemeinte 'Investor' interessiert sich nicht die Bohne für das Unternehmen, an dem er Anteile erwirbt. Das Wohlergehen des Unternehmens ist ihm völlig egal, er will auch keine langfristige Bindung eingehen, sondern nur schnell abschöpfen, was der „Markt“ ihm bietet: er spekuliert auf 'Hausse' oder 'Baisse' auf steigende oder fallende Kurse und nicht auf Beteiligung an einem Unternehmen. Wenn ein solcher Anleger also eine seiner Meinung mach unterbewertete Aktie entdeckt, steigt er ein, er kauft, je mehr um so besser. Denn wenn er plötzlich sehr viel Aktien eines Unternehmens erwirbt, bieten andere mit, das treibt die Kurse. Er macht dann eine Pause (Minuten, Stunden, Tage) und in dem Moment, wo die Bewegung umschlägt, stößt er die gerade erworbenen Anteile wieder ab. So macht er einen guten Schnitt, zwei, drei Andere, die den Braten früh genug riechen, machen das Gleiche und verdienen auch, der Rest macht Verlust. Das war die Spekulation auf Hausse.
Man kann den Spieß auch umdrehen: wer ein dickes Aktienpaket besitzt und dieses im richtigen Moment auf den Markt wirft, sorgt damit für einen Kurssturz, die Baisse. Wer früh genug mitgeht, macht auch seinen Schnitt, die anderen verlieren, wenn sie verkaufen.
Fühlt sich hier jemand an Poker erinnert? Nicht zu Unrecht, diese Art der Spekulation ist reines Glücksspiel, immer vorausgesetzt, man hat genügend „Spielgeld“. Mit ein paar Tausendern ist man hier ziemlich verloren – es sei denn, man 'hebelt'. Wir befinden uns hier übrigens schon mitten im Bereich der virtuellen Geldschöpfung, auch ohne Hebelung.
Hat man jedoch weniger Geld und will trotzdem 'spielen', dann macht man das beispielsweise mit Optionen. Man erwirbt Optionsscheine auf ein künftiges Geschäft zu einem geringen Preis. Man kann, wenn das Geschäft fällig wird, ins Portemonnaie sehen ob genügend Geld da ist, wenn ja, löst man die Optionsscheine ein. Wenn nicht, lässt man entweder die Option verfallen, oder nimmt Kredit auf und verkauft die mit dem Kredit erworbenen Anteilscheine zu einem günstigen Kurs und löst damit den Kredit ab und behält den Gewinn – oder man macht gleich einen Leerverkauf daraus. Das heißt dann nichts anderes, als das man, unter Einsatz geringer Eigenmittel, einen dicken Gewinn einstreichen kann.
Der Leerverkauf wird vorgenommen, indem man die Anteile, auf die man die Option hat, verkauft. Mit dem Erlös werden die Anteile bezahlt, die dann unmittelbar an den Käufer gehen.
Vorausgesetzt es geht alles so, wie wir uns das wünschen. Geht die Sache schief, ist das Eigenkapital weg und man hat evtl. einen Kredit zu tilgen, für den man nichts bekommen hat. Oder man hat eine Verpflichtung aus dem Leerverkauf am Hals, die man nicht erfüllen kann.
Das ist kein Roulette mehr, das ist kein Poker mehr, das ist reines Hazard.
Dieser letzte Bereich, in dem ich die Analogie des Spielkasinos gebraucht habe, findet ausschließlich mit virtuellem Geld statt: solange das Spiel läuft, interessiert das keinen Menschen, macht man Gewinn, zahlen andere die Zeche, macht man Verlust, zahlt man selbst. Peinlich wird es immer dann, wenn man 'zu hoch gepokert' hat, also über seine Möglichkeiten spekuliert hat. Dann geht es ab zum Konkursgericht und evtl. ins Gefängnis. Denn der Hebel wirkt nicht nur, um mein Kapital zu vermehren, er vermehrt unter Umständen auch meine Schulden...
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