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Obdachlosigkeit und Würde

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Foto: Helmut Richard Brox

„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ So beginnt der Artikel Eins unserer Verfassung, des Grundgesetzes.

Vielen Menschen fällt es dennoch schwer, davon auszugehen, daß auch Obdachlose, Penner, wie sie abschätzig genannt werden, eine Würde haben könnten – ja, daß sie, was die Menschenwürde anlangt, mit ihnen auf einer Stufe stehen. Vielleicht darum ist auch der von den „Pennern“ bevorzugte Begriff „Berber“ kaum einem Menschen geläufig, der nicht beruflich oder auf andere Weise unmittelbar mit dieser Menschengruppe zu tun hat. Genau weiß man es nicht, es war wohl in den sechziger Jahren, als dieser Begriff von den Menschen, die auf der Straße leben, selbst geprägt wurde. Sie wollten damit so etwas wie Stolz auf ihre Leistung als Überlebensstrategen ausdrücken; die Berber waren lange ein stolzes und freies Reitervolk, welches nomadisierend durch die Wüste zog. In der Lebensform gibt es gewisse Parallelen zum Leben der „Berber“: auch sie überleben unter härtesten Bedingungen, sie schätzen ihre Freiheit über alle Maßen und auch sie nomadisieren, wenn auch in den meisten Fällen nicht so großräumig, wie das Volk der Berber.

In der Regel leben sie abgesondert und werden von uns, die wir uns in unseren Wohnhöhlen verschanzen und unablässig irgendwelchen Geschäften nachgehen, kaum bemerkt. Allenfalls ärgern wir uns, wenn wir von einem „Penner“ angepöbelt werden, oder wenn sie bettelnd oder saufend unser ach so geordnetes Stadt- und Weltbild durcheinander bringen. Sicher ist es kein schöner Anblick, wenn da jemand auf der Straße im eigenen Dreck herum lümmelt und es fällt uns schwer, auch in ihm den Mitmenschen zu sehen, der Anspruch auf Achtung und Respektierung seiner Würde hat. Doch die Würde ist unteilbar: was mir zusteht, steht auch dem „Penner“ zu.

Obdachlosigkeit kann gerade in Zeiten wie diesen jeden treffen. Alles was gestern noch sicher und wohlgeordnet schien, kann über Nacht durch unvorhersehbare Einflüsse zusammenbrechen. Manch einer gerät durch Arbeitslosigkeit in eine unaufhaltsame Abwärtsspirale, um so leichter, je weniger soziale Vernetzung vorhanden ist. Allein Lebende sind besonders gefährdet, wenn keine Familie da ist, wenig Freunde, die unterstützend zur Seite stehen. Da spielt Scham eine große Rolle, aber auch Selbstüberschätzung. Schnell wird aus der Arbeitslosigkeit Obdachlosigkeit, aus dem, der versucht, die Kälte mit einem Schluck Weinbrand zu vertreiben, ein Alkoholiker.

Viele geraten in diesen Strudel allein deshalb, weil sie nicht wissen, welche Hilfsangebote ihnen zur Verfügung stehen, welche Rechte sie haben und wie diese Rechte durchzusetzen sind. Einige geben dann auf, überantworten sich der öffentlichen „Wohlfahrt“ und sind damit mehr oder weniger sicher „verwahrt“. Andere versuchen ihr Glück indem sie „Platte machen“, ein Synonym für das Leben auf der Straße, unabhängig von öffentlichen Einrichtungen. Anfangs mag das noch von dem Wunsch getragen sein, sich am eigenen Schopf aus der Misere zu ziehen. Doch wer seine gesamte Habe mit sich herumschleppt, verliert diese nicht nur nach und nach: Kleider und Schuhe verschleißen schneller, ohne regelmäßige Pflege und bei 24 stündigem Aufenthalt im Freien. Sind anfangs noch Gelegenheitsjobs zu finden, lässt das nach, wenn das Erscheinungsbild nicht mehr ordentlich ist. So zieht Eins das Andere nach sich.

Doch ändert das irgendetwas an der Person, die jetzt in einem unordentlichen Habit steckt, die wegen geringer hygienischer Möglichkeiten nicht mehr unserem Bild von „geordneter Existenz“ entspricht? Sind es nicht unsere Vorstellungen davon, wie ein Mensch zu leben und auszusehen habe, die uns hindern, das Einzigartige – und damit die Würde – unseres Gegenübers wahrzunehmen? Warum sollte nicht in dem, möglicherweise verlausten, Mitmenschen eine wertvolle Person stecken, die uns vielleicht sogar bereichern kann, wenn wir uns auf eine Begegnung einlassen?

In Zeiten wie dieser, in der der Staat und damit viele unserer Mitmenschen, in wirtschaftlichen Problemen steckt; in denen ein zwar zeitgemäßer, aber trotzdem unerwarteter Kälteeinbruch gerade jene in der Existenz bedroht, deren Existenz auf das reine Überleben reduziert ist, ist es wichtig, daß wir unsere Solidarität zeigen, daß wir ihnen eine warme Suppe anbieten, einen Schlafsack spendieren, sie auf Möglichkeiten institutioneller Hilfe aufmerksam machen. So gibt es z.B. in Düsseldorf (und vielen anderen Städten) wieder den „Kältebus“, hier zu erreichen unter der Telefonnummer 01578.3505152.

Helmut Richard Brox, der selbst als „Berber“ auf der Straße lebt, betreibt sogar eine eigene Webseite [Link] mit Hilfsangeboten, Adressen von Anlaufstellen, Telefonnummern und aktuellen Nachrichten für „Berber“ (und andere Obdachlose). Es lohnt sich, die Seite anzusehen, man lernt eine Menge über ihn und das Leben auf der Straße. Vielleicht hat der Eine oder andere ja auch ein paar Euro übrig, um seine Arbeit zu unterstützen.

So nebenbei: kaum einer ist so würdelos, wie jener, der einem anderen Menschen die Würde abspricht.